Dialogprozess im Bistum Aachen
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KArl Borsch, Weihbischof im Bistum Aachen

Weihbischof Karl Borsch forderte mehr Aufmerksamkeit.

Vollbild KArl Borsch, Weihbischof im Bistum AachenGalerie Norbert Wilbertz, langjähriger Leiter der Ehe- und Familienberatungsstelle Münser Hermann Josef Winkelhorst, Leister der Familienberatungsstelle Aachen

 
 

 

Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 09/2013

Familie, heute ein Auslaufmodell?

Diskussionsveranstaltung des Familienbundes der Katholiken im Bischof-Hemmerle-Haus in Aachen

Was bedeutet eine stabile Ehe für eine stabile Kirche? Und was kann die Kirche tun, um Ehepartner durch schwierige Zeiten zu begleiten? Dies waren zwei der Fragen, die der Familienbund der Katholiken im Bistum Aachen im Bischof-Hemmerle-Haus mit seinen Gästen diskutierte.

„Trauen wir uns?!“, hieß die Abendveranstaltung, zu der sich am 15. Februar, einen Tag nach dem Valentinstag, 24 Teilnehmer aus dem Bistum eingefunden hatten. Das Thema Familie beherrscht seit geraumer Zeit die Schlagzeilen, nicht zuletzt durch die jüngsten politischen Beschlüsse, die Familien stärken sollten, wie beispielsweise das Betreuungsgeld. Doch trotz allem stagniert die Geburtenrate, gehen Ehen in die Brüche. Gut ein Drittel aller Ehepaare trennt sich, in Ballungsräumen sind es sogar bis zu 50 Prozent.


Sind Ehe und Familie heute  Auslaufmodelle?

Heiraten wir zu früh? Scheuen wir in der Partnerschaft den Konflikt? Dies waren Fragen, die Josef-Dieter Freyaldenhoven vom Familienbund zum Einstieg aus der Tagespresse zitierte, um in das Thema einzustimmen. In seinem Impulsreferat beklagte Weihbischof Karl Borsch den zunehmenden Charakter von Ehe und Familie als gesellschaftlichem Auslaufmodell. Zwar stelle das Grundgesetz in seinem Paragraph 6 die Familie unter den besonderen Schutz des Staates, jedoch werde dieser besondere Schutz durch die Realität zunehmend ausgehöhlt. Die Prinzipien der Individualität und Mobilität, die in der modernen Gesellschaft und Wirtschaft dominierten, laufen dem Prinzip einer dauerhaften Verbindung diametral entgegen. Borsch, der bei der Deutschen Bischofskonferenz Mitglied in der Kommission Ehe und Familie ist, plädierte dafür, der Ehe- und Familienpastoral neue Aufmerksamkeit zu schenken. Nirgendwo würden Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen so unmittelbar erfahrbar. „Familie lässt auch die Nähe Gottes erlebbar werden“, schloss er seinen Impuls.


Was bedeutet Familie heute überhaupt?

Norbert Wilbertz, langjähriger Leiter der Ehe- und Lebensberatungsstelle in Münster, unterstrich in seinem Vortrag die Bedeutung von Beratungsangeboten und deren gesellschaftlichen Nutzen. Die Folgen von Trennung und Scheidung belasteten das Gesundheitssystem. Zudem drohe vor allem Frauen mit ihren Kindern nach einer Scheidung das Abrutschen in die Armut. Als Ursache für die Zunahme von Ehescheidungen nannte Wilbertz das Fehlen traditioneller Stützen. Es sei nicht nur die Pflicht der Kirchen, sondern auch eine staatliche Aufgabe, entsprechende pädagogische Stützen in Form von Beratungsangeboten für Eheleute anzubieten.
Im Anschluss gab Hermann Josef Winkelhorst, Leiter des Aachener Beratungszentrums für Ehe-, Familien-, Lebens- und Glaubensfragen, einen Einblick in die Arbeit seiner Einrichtung und einen Überblick über die Situation von Eheleuten und Familien im Bistum. Insgesamt arbeiten zehn fachlich geschulte Berater in den beiden Hauptstellen in Aachen und Mönchengladbach sowie in den Außenstellen Düren und Erkelenz.
Die Beratungsstelle bietet trotz Anlehnung an das Bistum und seiner finanziellen Trägerschaft eine überkonfessionelle und ergebnisoffene Beratung an. Ziel sei, die persönliche Sichtweise zu hinterfragen, beschrieb Winkelhorst die Vorgehensweise. Seiner Beobachtung nach seien die häufigsten Probleme Entfremdung und fehlende Kommunikation.
Eine Frage, die Winkelhorst in der vorangegangenen Diskussion vermisste, stellte er selbst: „Was ist Familie heute eigenlich?“ Es gebe inzwischen viele verschiedene Formen, von Patchwork- bis zur Ein-Eltern-Familie, was eine klare Definition erschwere. Auch hinterfragte er das romantische Liebesideal, das als Leitbild für eine Ehe gilt.


Familien sollen auch im Bistum gestärkt werden

Zum Abschluss vertieften die Teilnehmer in Gruppen einzelne Leitfragen zum Thema. So wurde unter der Leitfrage „Was ist wichtig für ein gelungenes Ehe- und Familienleben?“ festgestellt, dass Eheleuten zunehmend die Zeit fehlt, sich als Paar wahrzunehmen. Dies sei vor allem durch den Wegfall traditioneller Stützen, wie Großeltern oder Nachbarn der Fall. Zur Leitfrage, wie die Bedeutung einer guten Partnerschaft für Gesellschaft und Kirche transportiert werden könne, forderte Norbert Wilbertz mehr Mut seitens der Kirche. „Die katholische Kirche ist die einzige Institution, die diese Bedeutung erkennt und dafür arbeitet“, stellte er fest. Die Veranstaltung, die im Rahmen des Dialogprozesses stattfand, brachte einige Impulse, die auch an die Bistumsleitung herangetragen werden sollen, um die Bedeutung der Familien innerhalb der kirchlichen Strukturen im Bistum zu stärken.


Von Kathrin Albrecht

Veröffentlicht am 28.10.2013

 
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